Wo selbst Ruhe bewegt
Tage, die nicht drängen.
Dennoch ist alles unterwegs.
Gedanken, die nicht stillstehen.
Sie gehen nur anders als sonst.
Und während die Welt vorüberzieht,
erfahre ich, Ruhe in der Bewegung.
Behutsam. Weich. Ohne Eile.
Tage, die nicht mehr drängen müssen, weil sie anders verlaufen.
Sie verlangen dann nichts mehr von mir. Kein schnelleres Gehen, kein höheres Ziel, kein neues Vorhaben. Und dennoch geschieht etwas – selbst im Warten – selbst in meiner Ruhe.
Während ich vermeintlich stillstehen muss, bleibt das Leben um mich herum dennoch in Bewegung.
Die Wolken ziehen weiter. Das Licht wandert über die Landschaft. Ein Gedanke löst einen anderen ab. Begegnungen alleine mit der Natur entstehen. Ungeplante Möglichkeiten öffnen sich mir, die ich jedoch nicht nutzen möchte. Und manches verschwindet, bevor ich es überhaupt wahrgenommen habe.
Ich glaubte, Bewegung sei etwas, das ich selbst erzeugen kann. Ein Schritt nach dem anderen. Eine Entscheidung nach der nächsten. Als läge die Verantwortung für jede Veränderung allein in meinen Händen. Doch das ist nicht so.
Die Natur lehrt mir eine andere Geschichte.
Der Fluss fließt auch dann weiter, wenn niemand ihn anschiebt oder anschaut. Aus einer Knospe wird eine Blüte, aus einer Blüte eine Frucht. Das Leben kennt eine Bewegung, die keiner Kontrolle bedarf.
Und das gilt vielleicht auch für uns.
Denn nicht alles, was sich ungeplant verändert, liegt in unserem Einfluss. Manche Gedanken kommen unerwartet. Manche Erkenntnisse reifen im Verborgenen. Manchmal bewegt sich etwas in uns, gerade weil wir aufgehört haben, es bewegen zu wollen. Und oft bestimmt ein Außen, ob oder wie sich etwas bewegt.
In solchen Momenten erfahre ich eine andere Form von Ruhe, die ich behalten darf.
Keine starre oder stille Ruhe. Keine Bewegungslosigkeit.
Eine Ruhe, die lebt.
Eine Ruhe, wo das Leben mich auf die Probe stellt. Eine Ruhe, die sich anders entfalten darf, ohne die Sicherheit jeden Schritt vorauszusehen.
Denn das Leben findet seinen Weg von selbst.
Vielleicht ist Ruhe deshalb nicht die Abwesenheit von Bewegung.
Vielleicht entsteht sie dort, wo wir aufhören, gegen ihren Rhythmus anzukämpfen.
Dort, wo selbst die Ruhe bewegt ist.
Das sind die Gedanken, die mich auf einem nachgelagertem Spaziergang erreicht hatten, als mich die Fluggesellschaft tags zuvor nicht im Flieger mitnehmen konnte, da der Bordingpass sein eigenes Gesetz mit meinem Namen geschrieben hatte. Die Erkenntnis, dass in einer volldigitalen Welt eine Änderung niemand in die Hand nehmen möchte und eine für mich simple Namenskorrektur nicht möglich erscheint. Die Erfahrung, dass in der Ruhe zu bleiben, während der Plan sich ohne mich änderte, ereilte mich zum zweiten mal. Diesmal war meine Ruhe stiller und dennoch in Bewegung. 24 Stunden später als ursprünglich angedacht, ging es dann doch in Bewegung Richtung Mittelamerika. Diesmal mit dem richtigen Namen. Das Nachholen eines von außen ebenfalls beeinflussten abrupten Stopps Ende Februar konnte dann endlich seine Flugbahnen ziehen.
Und so kann eine von außen getriebene starke Bewegung dennoch zu einer inneren Ruhe führen. Denn die Natur lässt sich von einem starken Wind auch nicht immer aus ihrer Ruhe bringen. Sie bewegt sich mit ihm, bis es wieder ruhiger wird.
Und Leben geht auch außerhalb eines Rahmens immer weiter.