Unentschlossenheit
Ist kein Anfang.
Und auch kein Ende.
Sie ist eine Verschiebung dazwischen,
die schon da ist, bevor der Moment
wahrgenommen wird.
Und genau das zeigt,
was Licht zurück lässt.
Eine Schwäche? Ein Zögern? Fehlende Klarheit? Oder etwas, was einige Menschen als eher Negatives sehen?
Für mich ist Unentschlossenheit etwas ganz anderes und wird deshalb zu etwas ganz Besonderem:
Zu einem Ort, an dem zwei Wahrheiten zur selben Zeit leben dürfen.
Zwischen einem Ja und einem Nein – was die meisten Antworten am Ende einer Unentschlossenheit sind – liegt ein kleines Land, dass selten besucht wird. Ein Land, wo die Unentschlossenheit als Übergang lebt. Wie die Momente, in denen etwas Altes noch nicht gegangen und etwas Neues noch nicht angekommen ist. Dieser kleine, feine Raum zwischen Ankunft und Abschied. Zwischen einem JA und einem Nein.
Hinter einer Unentschlossenheit können viele Gründe stecken. Und es sind im Moment immer die, die einen ganz aktuell beschäftigen. Was könnte dazugehören?
- Eine Weigerung, vorschnell zu werden. Egal, womit oder worin du gerade reagieren möchtest.
- Das Wissen, dass eine einfache Antwort die keinen Perfektionismus abverlangt, nicht genügt.
- Die Angst vor Verlust. Weil ein Ja auf der einen Seite, immer ein Nein auf der anderen bedeutet und beide Wege ihren Preis haben.
- Die Sehnsucht nach etwas, das noch keine sichtbare Form hat und tief in deinem Inneren schon anfängt sichtbar zu werden.
- Oder ein Wandel, der bereits begonnen, jedoch noch keine Sprache gefunden hat.
Manchmal ist Unentschlossenheit keine Unsicherheit, sondern sie wird mit der Zeit zu einer Genauigkeit.
Das wunderbare an der Unentschlossenheit ist, dass sie verlangsamt, wenn du es zu lässt. Sie lässt dich in dem zu entscheidenden Moment in eine Klarheit blicken und verhindert manch falsche Gewissheit.
Sie hält deinen Blick oen, da Entschlossenheit oft bereits eine Richtung gewählt hat. Unentschlossenheit erlaubt dir noch einmal hinzusehen, noch einmal zu lauschen oder noch einmal hineinzufühlen.
Wenn du jedoch zu lange in der Unentschlossenheit verweilst, lähmt sie dich und um dich herum geht das Leben dann ohne dich weiter.
Aber nicht alles, was zögert, hat sich oder ist verloren.
Manches sammelt nur noch einmal seine Möglichkeiten, nimmt sich die notwendige Zeit, bevor es sich entscheidet, Wirklichkeit zu werden.
Die jedoch für mich tiefgründigste Erkenntnis ist die, dass Unentschlossenheit uns vor Entscheidungen bewahrt, die nur getroffen werden, um die notwendige Stille – die es für eine wahre Entscheidung braucht – nicht aushalten zu müssen.
Somit kann die Unentschlossenheit nicht als fehlende Antwort gesehen werden, sondern als die Zeit, die es für eine Antwort braucht.
Nicht jeder Schritt nach vorn beginnt mit Gewissheit. Manche beginnen mit einem ehrlichen Zögern. Und das wird dann zur Stärke.
Und es spielt keine Rolle, ob der Schritt im Privat- oder Berufsleben getan wird.
Und so wird Unentschlossenheit zum Licht in der Dämmerung. Dort wo es weder Tag noch Nacht ist. Und genau dort werden Dinge sichtbar, die am hellen Tag oder in der dunklen Nacht verborgen bleiben.